Ingo Reuter
Ingo Reuter

Projekt Oberflächen

Wir leben in einer Zeit der Oberflächen.

 

Diese Behauptung mag auf Anhieb den Anschein des Kulturpessimistischen tragen. Mit diesem Vorwurf wird man sich (wenn überhaupt) nur dann auseinandersetzen müssen, wenn man aus der Oberfläche direkt das „Oberflächliche“ mit heraushört und es von vornherein als etwas gegenüber dem Tiefgründigen Defizientes betrachtet. Freilich hängen Oberflächen und Oberflächliches miteinander zusammen, sind aber durchaus auch zu unterscheiden. Und keineswegs nur abschätzig zu sehen. Denn das Tiefgründige ist ja auch zutiefst verdächtig. Wo es das Wesen sucht, entdeckt es nur zu schnell das Unwesen im anderen. Wo das Tiefgründige dominiert, ist das Abgründige oft nah. Die Popmusik hat durchaus ihre ideologischen Vorzüge gegenüber der Heldenarie. Oder um es mit Woody Allen zu sagen: Immer wenn ich Wagner höre, habe ich das Bedürfnis Polen zu überfallen. Deswegen mag die Bezeichnung unserer Zeit als oberflächlich vielleicht gar nicht nur negativ erscheinen, sondern hat auch etwas Entlastendes.

Zudem ist die Beschäftigung mit der Oberfläche, dem Äußerlichen kulturell nicht zu vernachlässigen. Schon Nietzsche spottet in seiner Schrift Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben über die deutsche Mentalität, die sich innerlich mit Bergen von Inhalten anfülle, aber sich äußerlich gehen lasse, so dass es letztlich an Kultur fehle. Denn Kultur setzt immer den Zusammenhang, eine Beziehung zwischen Inhalt und Form voraus. Wo man sich nur auf die Form verwendet, wird alles leeres Glasperlenspiel, wo aber die Form vernachlässigt wird, wird auch der Inhalt unerkennbar, gar konterkariert oder zerstört.

 

Lässt sich Menschsein also heute über den Begriff der Oberfläche entschlüsseln? Natürlich nicht. Der Begriff der Oberfläche bietet eine Zugriffsmöglichkeit im Konzert anthropologischer Plädoyers, die sich ergänzen, korrigieren, widersprechen. Unser Zugriff ist dafür auch viel zu assoziativ. Dass der Begriff der Oberfläche eine sinnvolle Möglichkeit des Zugriffs auf ein Verständnis nicht des Menschen aber der Menschen, oder auch nur eines Ausschnitts von Menschen, in einer bestimmten Zeit und in bestimmten Situationen bieten kann, lässt aber wohl aufweisen. Denn die Oberfläche bildet stets die Grenze zwischen Innen und Außen. Und da, wo sie bewusst wahrgenommen und gestaltet wird, wo der Umgang mit den Oberflächen ansichtig wird, da wird auch vieles einsichtig über das Selbst- und Weltverhältnis des Menschen, der ja Teil der Welt ist und gleichzeitig Welt wahrnehmendes und gestaltendes Subjekt, ein Gegenüber zur Welt. Auf der Oberfläche zeigt sich Menschlich-Allzumenschliches dieser Verschränkung.

 

Vielleicht wird hieraus dann ein neues Buch...

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